Serbian Tourism in Foreign Press
COUNTRYSwitzerland
NEWSPAPERNeue Zürcher Zeitung
DATESonntag, January 4, 2004
AUTHORAndreas Ernst 
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Serbien kämpft gegen das "Jugo"-Image

Nach dem Wahlsieg der Nationalisten in Serbien ist es für das Balkanland noch schwieriger geworden, das Land als Feriendestination zu verkaufen. Belgrads Tourismusdirektorin kämpft um ein neues Image.

Dienstag, 30. Dezember: Zwei Tage zuvor ist die nationalistische Radikale Partei Serbiens mit fast 28 Prozent Wählerstimmen zur stärksten Parlamentsfraktion aufgestiegen. Der Moderator des progressiven Radiosenders B 92 fragt die Hörer draussen im Land, was ihnen denn heute zu Serbien so in den Sinn komme. Eine junge Frau aus Kragujevac ruft an und bringt es auf den Punkt: "Für mich ist Serbien ein Sadomaso-Salon. Die Leute werden gequält und rufen: Ja, ja, mehr, mehr!" Serbien habe in diesen Wahlen sein hässliches Gesicht gezeigt, schrieb gleichentags die Belgrader Zeitung "Danas". Ohne von einem staatlichen Machtapparat manipuliert worden zu sein, hätten viele Serben freiwillig ihre Stimme den Kriegstreibern von gestern gegeben. "So kann Serbien nicht darauf zählen, von der Welt gemocht zu werden."

Viele fortschrittliche Serben sind sich bewusst, dass das Bild vom hässlichen Serben wieder häufiger gezeichnet wird. Von manchen Leitartiklern und Karikaturisten während über zehn Jahren sorgfältig gepflegt, erkennt man ein altbekanntes Klischee: den unrasierten Freischärler, die Tschetnik-Mütze auf dem Kopf, Schweinefleisch und Schnaps verzehrend, impulsiv und arrogant, verblendet von den Trugbildern vergangener Grösse und immer bereit, sich als Opfer zu beklagen. Die "Gastarbeiterversion" dieses Bildes ist der "Jugo" im Trainingsanzug - mit dicker Goldkette um den Hals und dem Handy am Ohr.

Milica Cubrilo, die neue Direktorin der staatlichen Tourismusorganisation in Belgrad, kämpft gegen dieses Bild von Serbien und den Serben. Die junge Juristin, in Frankreich ausgebildet, ist sich über das Aussenbild Serbiens im Klaren: "Man hält Serbien für ein kriegszerstörtes, verarmtes Land, in dem Kriegsverbrecher herumlaufen und die Mafia regiert." Der Wahlerfolg der Radikalen mache die Korrektur dieses Bildes noch schwieriger - aber nicht unmöglich, sagt Cubrilo: "Andere Länder wie die Türkei, Ägypten oder Sri Lanka haben es auch geschafft, nicht auf ihre schwierigen politischen Verhältnisse reduziert zu werden." Den Vormarsch der Radikalen sieht sie als Transformationsproblem, als nur vorübergehenden Erfolg der Modernisierungsverlierer.

Mit welcher Strategie will sie das Negativimage Serbiens bekämpfen? "Wir wollen das Problem des Nationalismus nicht kaschieren", sagt Cubrilo, "sondern anderes hervorheben: Es gibt ein weltoffenes, urbanes, gut aussehendes Serbien - es gibt Belgrad. Die Stadt hat gute Chancen, nach Prag und Budapest zur Trend-Destination für gut ausgebildete, gut verdienende Westeuropäer zu werden." Belgrads grosses Kulturangebot, die Film-, Theater- und Musikfestivals, aber auch seine vielen Klubs, ob chic oder alternativ, böten diesen Touristen etwas, was sie anderswo nicht mehr fänden: "eine unverbrauchte Gastfreundschaft, Spontaneität und Neugier auf Fremde. Und natürlich die Sinnlichkeit des jungen Belgrad, seinen Witz und seine Schnelllebigkeit."

Belgrad zählt zu den sichersten Hauptstädten Europas und ist vergleichsweise günstig. Ein Problem ist allerdings die Erschliessung dieses breiten Angebots: Gute Touristenführer fehlen, sollen aber noch in diesem Jahr auf Englisch, Französisch und Russisch auf den Markt kommen. Der englische Reiseanbieter Regent Holidays hat Belgrad seit Anfang des Jahres im Angebot.

Und abseits der Metropole? Cubrilo hebt vor allem die Vojvodina hervor, die nördliche Kornkammer Serbiens, in der ein buntes Gemisch aus Serben, Ungarn, Slowaken und vielen anderen Volksgruppen friedlich zusammenlebt (und eine Mehrheit ebenfalls die Radikalen wählte). Hier entstehen Angebote für Erlebnisferien: Reiten in Zobnatica, Vögelbeobachten in der Carska Bara, Schifffahren auf der Donau oder der Besuch der Klöster der Fruska Gora. Die Klöster, so findet Cubrilo, sollten allerdings nicht zu stark in den Vordergrund rücken. "Viele Ausländer assoziieren mit der serbischen Orthodoxie Figuren wie Mladic und Karadzic." Knapp 290 000 Touristen haben im vergangenen Jahr Serbien besucht. Das sind neun Prozent mehr als im Vorjahr. Die grosse Mehrzahl von ihnen war geschäftlich unterwegs. Im Durchschnitt verbrachten sie bloss 2,5 Tage im Land. 60 Prozent sahen nur Belgrad. Etwa ein Drittel dieser Touristen stammt aus ex-jugoslawischen Republiken, gefolgt von Deutschen, Italienern, Griechen und Österreichern. Die Tourismuseinnahmen betrugen etwa 126 Millionen Euro. In drei Jahren sollen sie, statt jetzt drei, fünf Prozent des Bruttosozialprodukts ausmachen. Zusammen mit dem Aussenwirtschaftsministerium plant Cubrilos Behörde eine Imagekampagne, die sich auf die Meinungsführer in den grossen EU-Ländern, den USA, Kanada, China und Russland konzentriert. Das Konzept steht, die Agentur ist bestimmt. Aber das Geld ist blockiert, da Serbien wegen der vorgezogenen Wahlen nur ein Notbudget hat. Schwierige Bedingungen für Imagekampagnen.

Andreas Ernst, Ph.D.
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